WORKSHOP – Ein theatraler LIVE-Talk

MITTWOCH, DEN 23. SEPTEMBER, AB 19:30 UHR

 

Andreas Browa und Christian Koch

 

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Das neue Live-Talk-Format im Bochumer Neuland heißt „Workshop“, und tatsächlich will es eher eine Werkstatt sein als ein Labor: Wir wollen im Gespräch unserer Denken und unseren Blick schärfen, an Formulierungen feilen, uns an ungewohnten Zusammenhängen abarbeiten, scheinbar weit entferntes zusammenfügen, Verknotetes und Verfilztes zerhacken, die Patina von Vergessenem wegätzen, usw. Es geht als darum, Skills, Fertigkeiten anzuwenden, zu verbessern. Das Gespräch als Werkstück, das sich vom groben Klotz zur ornamentalen Fräsarbeit entwickelt. Wenn’s gut geht. Denn: wo gehobelt wird fallen Späne, und Handwerk hat zwar doppelten Boden, aber es ist nicht alles Gold, was glänzt… – ck

Eintritt frei

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Am Anfang

Ist nun etwas „im“ oder „am“ Anfang? „Haarspalterei!“ höre ich euch rufen. Zu Recht. Aber mir gefällt es nun mal, über so etwas nachzudenken. Also: „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“, so geschrieben im 1. Buch Mose. Aber: „Im Anfang war das Wort“, so steht es im Johannesevangelium. Die im Deutschen offensichtliche Veränderung der Bedeutung scheint im Hebräischen und Griechischen nicht zu existieren. Das hebräische „Bereschit“, das erstes Wort des Textes und sein Titel zugleich ist, bedeutet ebenso „Im Anfang“ wie das im Johannesevangelium benutzte „En Arché“. Die lateinische Version lautet in beiden Fällen „in principio“, was sowohl als „am“ als auch als „im“ übersetzt werden kann. Warum also, könnte man sich als Haarspalter fragen, kennt das Deutsche eine solche Unterscheidung, und worin besteht sie? Die Lösung liegt natürlich in der Tiefenstruktur des Satzes, der im ersten Fall vermittels des transitiven Verbs „erschaffen“ auf einen Vorgang, einen Prozess verweist (der in diesem Fall in einer unbestimmten Vergangenheit liegt) – im zweiten Fall vermittels des intransitiven „war“ einen Zustand beschreibt, also den Zustand der Anfänglichkeit „an sich“.
Es erscheint den Deutsch sprechenden dabei als sinnvoll, „in“ diesen Zustand hinein zu schauen, sich ihm also wie ein Kind zu nähern, das seinen Blick neugierig über, sagen wir eine Regenwassertonne beugt, um deren Inhalt mit ebensolcher Neugier zu examinieren. Die Ungewissheit, die beim vorsichtigen Blick in die Tonne am Werk ist, wiegt die deutsche Grammatik mit dem Satz „In der Tonne befand sich Regenwasser“ tausendfach auf. Kurz: Hieße es im Deutschen: „Am Anfang war das Wort“, hätte das Wort, welches ja immerhin das Wort Gottes war, nicht sein können, hätte also nicht existiert, sondern wäre lediglich Teil des im ersten Fall beschriebenen Schöpfungsprozesses sein können. Damit wäre es zu einem beliebigen Teil dieses Prozesses degradiert worden und hätte neben der tätigen Hand Gottes, dem Wind, dem Licht und all den anderen Ingredienzien der Schöpfungsgeschichte nur eine untergeordnete Rolle spielen können, wäre also nur Gerede gewesen. So aber verdeutlicht sich durch einen kleinen Unterschied eine völlig eigene Perspektive auf die Sache: nämlich die, dass der Zustand der Schöpfung ein sprachlicher, der Prozess der Schöpfung aber ein göttlicher ist. – ck

Vorabendprogramm

Vorabendprogramm

Im Traum liegen Henne und Ei vor mir auf dem Tisch und meine jüngst verstorbene Mutter steht nur schwach beleuchtet daneben und sagt: „Tu’s zurück.“ – „Was?“ – „Das Ding. Tu’s zurück in das Tier.“ Ich sagte: „Mami das geht nicht“ und erröte weil ich Mami gesagt habe, was ich nie tue und soweit ich mich erinnern kann, auch niemals getan habe. Und sie sagt: „Erwischt!“ nimmt das Ei, zermatscht es in ihrer massiv beringten Hand und sagt mit einer Stimme, die ich intuitiv eher dem öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm zuordnen würde: „Am Anfang war beides nicht, das Tier nicht und nicht dieses Ding. Am Anfang ist es immer nur dunkel“, sagt sie. „Höchstens ein Klecks ist am Anfang. Erkennen lässt sich da in jedem Fall gar nichts.“ Mir fällt nichts ein dazu und ich sehe jetzt auch nur noch die Hand aus der es zäh hinab ins Jenseits trieft. „Mach deine Hausaufgaben!“ – ab

Jetzt erst recht!

Jetzt erst recht!

Während das deutsche Unterhaltungsfernsehen einen Talkmaster nach dem anderen entlässt oder auf unattraktive Termine verlegt, startet das Neuland mit „Workshop“ ein neues Live-Talk-Format. „Muss das sein?“, fragen kritische und medienbewusste Beobachter. „Jetzt erst recht“ entgegnen wir ihnen im Brustton der Überzeugung. Denn während TV-Talks vor allem durch konsequentes Zerreden und radikalen Populismus auffielen, will „Workshop“ vor allem eins: sich selbst genug sein. Keine wechselnden Gäste, sondern zwei feste Gesprächspartner, die wissen, wovon sie reden, wenn sie wissen, wovon sie reden. Keine Pseudoaktualität, sondern kraftvolle Machetenschläge durch das Dickicht der totalen Information. Keine „Themen“, abgehakt von selbsternannten Experten und üblichen Verdächtigen, sondern Inhalte, von denen wir heute noch nicht wissen, ob sie uns morgen noch interessieren werden. Angetrieben nur von unserer eigenen Neugier und der Sorge um das Unterhaltungsgefühl des Publikums, navigieren wir durch Felder von Kunst und Gesellschaft, Literatur und Musik, tauchen durch popkulturelle Untiefen und unternehmen ästhetische Höhenflüge. Die einzige Gewissheit: „Das Beste kommt immer zum Schluss“. – ck