Am Anfang

Ist nun etwas „im“ oder „am“ Anfang? „Haarspalterei!“ höre ich euch rufen. Zu Recht. Aber mir gefällt es nun mal, über so etwas nachzudenken. Also: „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“, so geschrieben im 1. Buch Mose. Aber: „Im Anfang war das Wort“, so steht es im Johannesevangelium. Die im Deutschen offensichtliche Veränderung der Bedeutung scheint im Hebräischen und Griechischen nicht zu existieren. Das hebräische „Bereschit“, das erstes Wort des Textes und sein Titel zugleich ist, bedeutet ebenso „Im Anfang“ wie das im Johannesevangelium benutzte „En Arché“. Die lateinische Version lautet in beiden Fällen „in principio“, was sowohl als „am“ als auch als „im“ übersetzt werden kann. Warum also, könnte man sich als Haarspalter fragen, kennt das Deutsche eine solche Unterscheidung, und worin besteht sie? Die Lösung liegt natürlich in der Tiefenstruktur des Satzes, der im ersten Fall vermittels des transitiven Verbs „erschaffen“ auf einen Vorgang, einen Prozess verweist (der in diesem Fall in einer unbestimmten Vergangenheit liegt) – im zweiten Fall vermittels des intransitiven „war“ einen Zustand beschreibt, also den Zustand der Anfänglichkeit „an sich“.
Es erscheint den Deutsch sprechenden dabei als sinnvoll, „in“ diesen Zustand hinein zu schauen, sich ihm also wie ein Kind zu nähern, das seinen Blick neugierig über, sagen wir eine Regenwassertonne beugt, um deren Inhalt mit ebensolcher Neugier zu examinieren. Die Ungewissheit, die beim vorsichtigen Blick in die Tonne am Werk ist, wiegt die deutsche Grammatik mit dem Satz „In der Tonne befand sich Regenwasser“ tausendfach auf. Kurz: Hieße es im Deutschen: „Am Anfang war das Wort“, hätte das Wort, welches ja immerhin das Wort Gottes war, nicht sein können, hätte also nicht existiert, sondern wäre lediglich Teil des im ersten Fall beschriebenen Schöpfungsprozesses sein können. Damit wäre es zu einem beliebigen Teil dieses Prozesses degradiert worden und hätte neben der tätigen Hand Gottes, dem Wind, dem Licht und all den anderen Ingredienzien der Schöpfungsgeschichte nur eine untergeordnete Rolle spielen können, wäre also nur Gerede gewesen. So aber verdeutlicht sich durch einen kleinen Unterschied eine völlig eigene Perspektive auf die Sache: nämlich die, dass der Zustand der Schöpfung ein sprachlicher, der Prozess der Schöpfung aber ein göttlicher ist. – ck